UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID

HOLODOMOR: ERKLÄREN UND VORBEUGEN Völkergenozid durch Hunger

Das Wort «Holodomor» bedeutet Massenmord durch Hunger und wird von den Ukrainern als Bezeichnung für die Nationale Katastrophe von 1932 – 1933 verwendet, von der es kein Entkommen gab.

Wir sind der Ansicht, dass die einzigartige Geschichte des Holodomor nicht nur in der Ukraine, sondern in der ganzen Welt bekannt sein sollte. Wir erklären auch, warum wir den Holodomor für einen Genozid halten und bitten die Weltgemeinschaft, ihn als solchen anzuerkennen.

Wir gehen davon aus, dass Holodomor eines der einschneidendsten Ereignisse nicht nur der ukrainischen Geschichte, sondern auch der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts war. Ohne das Verständnis dieses Ereignisses ist es kaum möglich, die Natur des Totalitarismus und die Verbrechen des sowjetischen und des nationalsozialistischen Regimes zu verstehen.

Wir sind der Auffassung, dass es von besonderer Bedeutung ist, von diesem geschichtlichen Ereignis zu erzählen. Denn nicht einmal heute können wir uns sicher sein, dass sich ein neuer Holodomor nicht wiederholen kann. Im Gegenteil: Anzeichen für Genozide sehen wir immer öfter in der Welt von heute. Die Zeugen des Verbrechens und die Geschichte des Holodomor können uns vor Augen führen, wie man ähnliche Untaten vermeiden und denjenigen die Stirn bieten kann, die sie planen und organisieren.

Ein aufmerksamer Blick in die Vergangenheit ist stets hilfreich, um die Vorzeichen des Bösen auch in unserer heutigen Zeit erkennen zu können. Obschon es sich unterschiedlich manifestieren mag – seine Natur ist immer ein- und dieselbe. Die Drahtzieher von Genoziden spalten Gesellschaften, schüren Feindschaften mit Mitteln der Propaganda, schaffen die Grundrechte ab, bestrafen die Opfer massenhaft mit dem Tod und tun später so, als sei nichts Schlimmes geschehen und belügen die ganze Welt. Sie zielen darauf ab, ihre Opfer zu unterwerfen, zwingen ihre Wesensart und Mentalität völlig an ihre eigene anzupassen und zwar durch die teilweise oder vollständige physische und moralische Vernichtung. Der Genozid gründet auf Hass und Verachtung.

Gerade deswegen hinterlassen diese Verbrechen nicht nur tiefe Wunden beim Volk, dass sie durchlitt, sondern auch an der gesamten Menschheit. Um diese Wunden zu heilen und Widerstand gegen neue Stalins und Hitlers zu leisten, muss man die Dinge beim Namen nennen und darüber laut und mit Nachdruck sprechen.

UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID
UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID

UKRAINE – EIN EINZIGARTIGES LAND

Die Ukraine ist das zweitgrößte Land Europas. Mitte des 19. Jahrhunderts umfassten die ethnisch ukrainischen Territorien etwa 700.000 km² mit einer Bevölkerung von über 30 Millionen Menschen. Das Land ist reich an Schwarzerde und Bodenschätzen, verfügt über ein mildes und gemäßigtes Klima, welches den Anbau von Getreide und Weinreben begünstigt. Von alters her wurde die Ukraine von Reisenden daher als „Land, in dem Milch und Honig fließen“ bezeichnet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Ukraine zunächst kein eigenes Staatsgebilde. Ihre Territorien waren Bestandteile des Russischen Reiches und der Österreich-Ungarischen Monarchie. 80 % der ethnisch ukrainischen Gebiete mit einer Bevölkerung von über 22 Millionen Einwohnern waren der Kontrolle Russlands unterworfen. Wie auch bei den übrigen nichtstaatlich organisierten Völkern Zentralosteuropas waren rund 9 % der Ukrainer Bauern. Diese strebten nach wirtschaftlicher Selbständigkeit und betrachteten ihren Boden als ihr größtes Gut. Das Dorf war die Keimzelle der traditionellen ukrainischen Kultur und Spiritualität, hier wurden die ukrainische Sprache, alte Traditionen und Feste bewahrt und aufrechterhalten.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges produzierten ukrainische Bauern und Gutsbesitzer 43 % der weltweiten Gerste-, 20 % der Weizen- und 10 % der Maisernte. Der Export ukrainischen Getreides Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts spielte in der Wirtschaft des Russischen Reiches eine wichtige Rolle. Zu dieser Zeit wurde die Ukraine auch „Kornkammer Europas“ genannt.

Während des 19. Jahrhunderts durchliefen die Ukrainer – wie auch andere Völker Europas – den Prozess der Nationsbildung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die politische Forderung der Gründung eines unabhängigen ukrainischen Staates formuliert, die als Grundlage für die ukrainische Bewegung während des 20. Jahrhunderts diente.

Der Untergang des Russischen Reiches bot der ukrainischen Bewegung eine Chance. 1917 brach die Ukrainische Revolution aus. In allen Regionen begannen Ukrainer eigene Verwaltungsorgane und gesellschaftliche Institutionen zu bilden. Ein nationales Vertretungsorgan wurde geschaffen, nämliсh der Ukrainische Zentralrat (Ukrajins‘ka Zentral‘na Rada) sowie dessen Regierung, das Generalsekretariat (Heneral‘nyj Sekretariat). Im November 1917 wurde die Ukrainische Volksrepublik (UNR) proklamiert und schließlich im Januar 1918 deren Unabhängigkeit.

Während der Ukrainischen Revolution gab es einige Modelle der nationalen Staatlichkeit: eine demokratische (Ukrainische Volksrepublik), eine konservative (der Ukrainische Staat unter Hetman Pawlo Skoropads‘kyj ) und eine liberal-demokratische (Westukrainische Volksrepublik).

Die Ukraine verlor jedoch die militärische Auseinandersetzung mit den Bolschewiken. Ungeachtet des Scheiterns der Revolution hatten die Ukrainer ihre Fähigkeit und das Potential für eine nationale Staatsbildung unter Beweis gestellt. So wurde die Frage nach einer ukrainischen Staatlichkeit zu einem bedeutenden Faktor der osteuropäischen Politik des 20. Jahrhunderts.

Der Rechtsakt über den Zusammenschluss der Ukrainischen Volksrepublik (UNR) und der Westukrainischen Volksrepublik (ZUNR) vom 22. Januar 1919 vereinigte die ukrainischen Territorien in einem Staat.
Der Rechtsakt über den Zusammenschluss der Ukrainischen Volksrepublik (UNR) und der Westukrainischen Volksrepublik (ZUNR) vom 22. Januar 1919 vereinigte die ukrainischen Territorien in einem Staat.
Befehl Nr. 14 zur Machtergreifung Kyivs, erteilt am 28. Januar 1918 durch den Befehlshaber der bolschewistischen Trupps, Michail Murawjow. Im Befehl wird betont: „Diese Macht tragen wir aus dem hohen Norden auf den Spitzen unserer Bajonette und dort, wo wir sie errichten, festigen wir sie mit der Macht eben dieser Bajonette und der moralischen Autorität der revolutionären sozialistischen Armee“.
Befehl Nr. 14 zur Machtergreifung Kyivs, erteilt am 28. Januar 1918 durch den Befehlshaber der bolschewistischen Trupps, Michail Murawjow. Im Befehl wird betont: „Diese Macht tragen wir aus dem hohen Norden auf den Spitzen unserer Bajonette und dort, wo wir sie errichten, festigen wir sie mit der Macht eben dieser Bajonette und der moralischen Autorität der revolutionären sozialistischen Armee“.

ERRICHTUNG DES KOMMUNISTISCHEN TOTALITÄREN REGIMES UND DIE UKRAINE

Im November 1917 ergriffen die Bolschewiki unter dem Motto der „Diktatur des Proletariats“ und des „Roten Terrors“ unter Lenins Führung in Russland die Macht. Schon nach einem Monat erklärten sie der Ukraine den Krieg. Zwischen 1918 und 1920 besetzten sie Kyiv aufgrund ihrer militärischen Überlegenheit insgesamt vier Mal. Bis Ende 1920 gelang es dem Militär des bolschewistischen Russland, den Großteil der ukrainischen Territorien endgültig zu besetzen.

Bis Mitte der 1920er Jahre leisteten dem kommunistischen Regime Hunderte ukrainischer aufständischer Bauerntrupps und Partisanen Widerstand. Bis 1921 hatten sich diesen Gruppen bereits über Hunderttausend Menschen angeschlossen. Um ihre Macht in der Ukraine zu erhalten, sahen sich die Bolschewisten gezwungen, einen Quasi-Staat, die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR), mit der Hauptstadt in Charkiw zu gründen.

1919 begannen die Bolschewiki in den besetzten Teilen der Ukraine die Politik des „Kriegskommunismus“ einzuführen. Dieser sah eine Verstaatlichung der Industrie, die Einschränkung von Ware-Geld-Beziehungen und deren Ersatz durch staatliche Regulierung, eine Versorgungsdiktatur und die Arbeitspflicht vor.

Ihre Ziele erreichten die Bolschewiki durch Terror. Gerade die Politik des „Kriegskommunismus“ und die Dürre wurden zum Hauptgrund der Hungersnöte von 1921 – 1923, die die Ukraine und Südrussland erfassten.

In den Jahren 1921 – 1923 wurde für die Unterdrückung des Widerstandes erstmals der Hungerterror als Mittel ausprobiert. Dabei wurden der Bevölkerung die Nahrungsmittelgrundlagen entzogen.

Kommunistische Söldner: Soldaten des chinesischen„internationalen“ Bataillons der Roten Armee, 1918.
Kommunistische Söldner: Soldaten des chinesischen„internationalen“ Bataillons der Roten Armee, 1918.
Ukrainische Bauern, 1920er Jahre (Foto aus der Sammlung des Nationalen Zentrums für Volkskultur „Iwan Hontschar Museum“).
Ukrainische Bauern, 1920er Jahre (Foto aus der Sammlung des Nationalen Zentrums für Volkskultur „Iwan Hontschar Museum“).

Zu Beginn der 1920er Jahre sahen sich die bolschewistischen Machthaber mit der Gefahr eines vollständigen Wirtschaftskollapses und eines großen Krieges mit der Bauernschaft konfrontiert. Deshalb entschieden Lenin und die Bolschewiki, sich vom Kurs des schnellen Aufbaus des Kommunismus abzuwenden und zur „Neuen Ökonomischen Politik“ (NÖP) mit Ware-Geld-Beziehungen überzugehen. Diesen Schritt betrachteten sie jedoch nur als taktischen Rückzieher vom Aufbau des Kommunismus.

Gleichzeitig begann die Ukrainisierung, d.h. die offizielle Politik der Sowjetmacht, welche die Beteiligung von Ukrainern am Staatsapparat und die Einführung der ukrainischen Sprache in Verwaltungs- und Bildungseinrichtungen vorsah. Die Ukrainisierung förderte die rasche Wiedergeburt und das Aufblühen der ukrainischen Kultur.

Die Ukrainer standen der Einführung der NÖP und der Politik der Ukrainisierung überwiegend positiv gegenüber. Doch der Preis dafür erwies sich als zu hoch. Es kam schließlich zur Errichtung eines totalitären kommunistischen Systems. Bis Ende der 1920er Jahre waren die absolute, durch nichts und niemanden eingeschränkte Macht sowie die Ressourcen in Stalins Händen konzentriert. Sogar das formale Mehrparteiensystem wurde liquidiert, und die kommunistische Partei endgültig mit dem Staat verschmolzen.

Die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR) verfügte über keine echte Souveränität, und die ukrainischen Kommunisten waren einer strengen Parteidisziplin unterworfen.

Auch die ukrainische Intelligenzija wurde a priori von den kommunistischen Machthabern als ihnen gegenüber feindlich gesinnt eingestuft. Ihre bekanntesten Vertreter unterstanden ständiger verdeckter Beobachtung durch die Geheimdienste. Besonders beunruhigend für die Parteiführung war jedoch die oppositionelle Stimmung in den ukrainischen Dörfern, denn in den 1920er Jahren machte die Bauernschaft etwa 85 % der Bewohner der Ukrainischen SSR (USSR) aus.

Geheimes Zirkular der GPU (Geheimpolizei)„Über den ukrainischen Separatismus“ vom September 1927. Das Zirkular beginnt mit den Worten: „Die Taktik des „Kulturkampfes“ der ukrainischen antisowjetischen Elemente mit der Sowjetmacht hat in letzter Zeit immer deutlichere Züge angenommen und äußert sich in Form der Verbreitung von nationalistischen Ideen separatistischen Charakters in der ukrainischen Öffentlichkeit “.
Geheimes Zirkular der GPU (Geheimpolizei)„Über den ukrainischen Separatismus“ vom September 1927. Das Zirkular beginnt mit den Worten: „Die Taktik des „Kulturkampfes“ der ukrainischen antisowjetischen Elemente mit der Sowjetmacht hat in letzter Zeit immer deutlichere Züge angenommen und äußert sich in Form der Verbreitung von nationalistischen Ideen separatistischen Charakters in der ukrainischen Öffentlichkeit “.

"Der Große Durchbruch"

Nach der Konsolidierung ihrer Macht Ende der 1920er Jahre beendeten die Kommunisten unter der Führung Stalins die Neue Ökonomische Politik (NÖP). Dies war der Beginn einer forcierten Industrialisierung, mit dem Ziel, eine mächtige Militärmacht aufzubauen, um unter Zwang den Kommunismus in der Welt zu verbreiten. Die Folgen dieser wirtschaftlichen Veränderungen waren einerseits die Entstehung der Schwerindustrie sowie ein sprunghafter Ausbau der Streitkräfte und andererseits ein Rückgang der Arbeitsproduktivität und damit einhergehend, der Verlust am Interesse an der geleisteten Arbeit.

Die Regierung greift zum Mittel der erbarmungslosen Ausnutzung der von ihr kontrollierten Bevölkerung, vorrangig der Bauern. Sie plant auf diese Weise, die notwendigen Ressourcen für die Industrialisierung und Modernisierung der Armee zu sichern. Die Disproportion zwischen den Preisen für landwirtschaftliche und industrielle Produkte (die sogenannte „Preisschere“) vergrößert sich. Auch die Steuerlast wird angehoben.

Ende 1927 beschließt das Regime die Kollektivierung der Landwirtschaft. Im Januar 1928 wird die Zwangsgetreidebeschaffung eingeführt, was als Rückkehr zu den Methoden des „Kriegskommunismus“ bezeichnet werden konnte.

Gleichzeitig beginnt die Vernichtung „wohlhabender“ Bauernhöfe, die das Regime als „Kurkulen“ (russisch „Kulaken“) bezeichnete. Die „Entkulakisierung“ ging mit der Eintreibung hoher Abgaben sowie Enteignung und Deportation einher. Bis 1931 wurden in der Ukraine über 352.000 sogenannter Kurkulen-Höfe liquidiert. Insgesamt wurden etwa 1,5 Millionen Personen durch das kommunistische Regime ausgeraubt.

Der Druck auf Geistliche und Intellektuelle wurde vergrößert. In ihnen sahen die Machthaber eine Bedrohung für das Fortbestehen des totalitären kommunistischen Regimes. Zu den Maßnahmen, welche die Vernichtung der traditionellen bäuerlichen Lebensweise vorsahen, gehörte auch der Kampf gegen die Religion und die Schaffung des sogenannten Sowjetmenschen.

Ende der 1920er Jahre begannen die Repressivorgane des kommunistischen Regimes, Strafsachen gegen Intellektuelle aus den Bereichen der Kultur, Kunst, Wissenschaft und Technik zu fabrizieren. 1928 wurde im Donbas ein Schauprozess gegen Ingenieure und technische Fachleute inszeniert, der als „Schachty-Prozess“ bekannt wurde.

Zu dieser Zeit begannen auch die Prozesse gegen die ukrainische intellektuelle Elite. Hervorzuheben ist der symbolträchtige Prozess gegen den „Bund zur Befreiung der Ukraine“ („SWU“, 1929–1930). Auf der Anklagebank saßen Akademiemitglieder, Professoren, Studenten, Lehrer, Priester und Schriftsteller.

1931 wurde der Prozess gegen das „Ukrainische Nationale Zentrum“ konstruiert. Dabei wurde auch der berühmte Historiker und das Akademiemitglied Mychajlo Hruschews’kyj in den Fall hineingezogen. Insgesamt waren in der Ukraine während und nach dem Prozess gegen die SWU mehr als 30.000 ukrainische Bürger Repressalien ausgesetzt.

Sovietpropaganda

UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID

Plakat mit dem Aufruf „Genosse, schärfe deine Wachsamkeit um das Dreifache. Hüte die Kolchosen wie deinen Augapfel.“ Autor – M. Tscheremnych, 1933. Ein Kurkul wird als Spinne dargestellt.

UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID

Plakat mit dem Aufruf „Das geistliche Pack ist Stütze der Kurkulen. Mit der Schaffung der Kolchosen rotten wir die Kurkulen vollständig aus“. Autorenkollektiv„Kukryniksy“, 1930.

Plakat mit dem Aufruf„Lasst uns die Kurkulen (Kulaken) als Klasse liquidieren“. Autorenkollektiv„Kukryniksy“, 1930.

UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID

Plakat „Kolchosarbeiter, beschütze deine Felder vor dem Klassenfeind: Vor den Dieben und Faulpelzen, welche die sozialistische Ernte berauben“. Autor, V. Goworkow, 1933. Der „Kulaken-Dieb“ hat mäuseartige Gesichtszüge und erinnert so an eine Maus, bekannt als Feldschädling.

UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID

Zu einem wichtigen Element bei der Errichtung des totalitären Stalin-Regimes wurde die Propaganda, welche sich auf machtvoll agierende Mitarbeiter der Geheim- dienste und Zensoren stützte. Mit Hilfe der Propaganda legte die Regierung die „Volksfeinde“ fest, die zuerst aufgespürt, dann marginalisiert und zum Schluss umerzogen oder vernichtet werden sollten. Gewöhnlich definierten die Kommunisten in der Ukraine immer zwei Arten innerer Feinde. Der „soziale“ Hauptfeind wurde als Kurkul (russ. „Kulak“), wohingegen der „nationale“ Hauptfeind als „ukrainischer bourgeoiser Nationalist“ oder als „Petljurist“ bezeichnet.

Mit dem Beginn der Kollektivierung und der Entkulakisierung nahm mit den Be- griffen „Kurkul“ und „ukrainischer bourgeoiser Nationalist“ die Dämonisierung ihrer Feinde nochmals zu. Auf politischen Sowjetplakaten wurden sie mit wenig schmeichelhaften äußeren Merkmalen versehen. Ergänzt durch psychologisch geschickt inszenierte negative Charakterzüge, welche in Form von Raubvögeln und -tieren sowie verschiedenen Parasiten dargestellt wurden, vermittelten sie der Gesellschaft ihre negative und schädliche Rolle, und ausserdem arbeiteten sie mit dem ausländischen Feind zusammen. Manchmal schlug die Propaganda auch konkrete Maßnahmen zur „physischen Säuberung“ von „feindlichen Elementen“ vor. Auf diese Weise bildete sich die Meinung heran, dass die „Volksfeinde“ nicht schützenswert seien, kein Mitleid verdienten und ihr Leben keinerlei Wert besäße. Obwohl die Propaganda gegen die Volksfeinde gerichtet war, richtete sie sich an alle Bürger. Denn diese forderte sie dazu auf, standhaft im Kampf gegen den Feind zu bleiben, keine Schwäche zu zeigen und kein Mitgefühl zuzulassen.

Nach dem Holodomor fügten die sowjetischen Propagandisten den „Kurkulen“, „Petljuristen“ und „Nationalisten“ noch abschätzende und erniedrigende Beinamen hinzu. Die Sowjetpropaganda schürte den Hass und trieb eine künstliche soziale und nationale Spaltung der Gesellschaft voran. Das Stigma des „ukrainischen bourgeoisen Nationalisten“ sollte die ukrainische nationale Elite und die politische Opposition zum Sowjetregime in Verruf bringen. Das Feindbild „Kurkul“ erfüllte einen anderen Zweck, nämlich die Spaltung der ukrainischen Bauern und das Säen von Zwietracht, die zur gegenseitigen Vernichtung beitragen sollten.

Anfang der 1930er Jahre tauchten neue Feindbilder auf, nämlich die „Saboteure“ und die „Schädlinge“, mit denen die Regierung versuchte, die eigenen Fehlschläge in der Kolchoswirtschaft zu „erklären“.

Die Sowjetpropaganda schuf nicht nur dämonisierte „Feindbilder“, sondern rief auch offen zu deren Vernichtung auf. Aufrufe zur „Liquidierung“, „Vernichtung“ und „Säuberung“ von „Kurkulen“, „Petljuristen“ sowie „Schädlingen“ wurde mit Hilfe aller vorhandenen Propagandamittel verbreitet: Radio, Presse, Plakate, Wandzeitungen, an Kundgebungen und Versammlungen. Die zielgerichtete Konstruktion eines Feindbil- des und die Aufrufe zur Vernichtung des Feindes sind Bestandteile einer Politik des Genozids.

Bis Ende 1932 wurde schliesslich von den bolschewistischen Führern mit Hilfe der Propaganda nahezu das gesamte ukrainische Volk zu „Kurkulen“ und „Saboteuren“ erklärt.

Anzahl der Protestaktionen der Bauer zwischen dem 20. Februar und dem 3. April 1930.
Anzahl der Protestaktionen der Bauer zwischen dem 20. Februar und dem 3. April 1930.

WIDERSTAND

Die Politik der Kollektivierung erschütterte die Bauern. Für sie war ihr Boden und Privateigentum ihr ein und alles. Sie waren unter keinen Umständen dazu bereit, sich freiwillig von beidem für die illusorischen Ideale des Kommunismus loszusagen.

Die Taten des Regimes riefen Unzufriedenheit unter der Bevölkerung in verschiedenen Regionen der UdSSR hervor, insbesondere in der Ukraine. Hier begannen die Bauern heftigsten Widerstand zu leisten.

Die Gegenwehr der ukrainischen Bauernschaft verstärkte sich zeitgleich mit dem forcierten Tempo der Kollektivierung. Der Höhepunkt der Proteste wurde im März 1930 erreicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Staatsapparat in der Ukraine durch Erpressung und Terror bereits mehr als zwei Drittel der Bauernhöfe zum Beitritt zu den Kolchosen gezwungen.

Die Bauernunruhen oder „Wolynky“, wie sie von den Kommunisten abschätzig genannt wurden, erfassten vom Februar bis März 1930 nahezu die gesamte Ukraine. Die Tschekisten (Mitarbeiter der Geheimpolizei Tscheka) hielten in ihren Berichten fest, dass in der Ukraine im Zeitraum zwischen dem 20. Februar bis 20. April insgesamt 1895 Dörfer in 41 von 44 Kreisen von Unruhen erfasst wurden. Insgesamt registrierten die Geheimdienste im Jahr 1930 über 4000 Massenaufstände. Die Gesamtzahl der Protestteilnehmer betrug fast 1,2 Millionen Menschen.

Im Gegensatz zu den Unruhen Anfang der 1920er Jahre verliefen die neuen Proteste weitgehend friedlich. Eine führende Rolle spielten hierbei häufig die Frauen. Es handelte sich dabei faktisch um den ersten groß angelegten Versuch eines gewaltlosen Widerstandes gegen die Staatsmacht. Allerdings verwandelten sich die friedlichen Bauernproteste häufig in Abrechnungen mit den örtlichen Regierungsvertretern und regierungstreuen Aktivisten.

Josef Stalin, den das Ausmaß der Bauernaufstände im März in Schrecken versetzte, sah sich gezwungen, die Kollektivierung vorübergehend auszusetzen. Die Regierung erlaubte den Bauern, zusammen mit ihrem Eigentum aus den Kolchosen auszutreten. So gelang es bis im März 1930, die aufgebrachten ukrainischen Bauern zu beschwichtigen. In den Folgemonaten verliessen sehr viele Bauern die Kolchosen. Bis zum Ende des Sommers blieben weniger als ein Drittel der Bauernhöfe der Ukrainischen SSR (USSR) in den Kolchosen bestehen.

Warum kam es zum Mord durch Hunger in der Ukraine?

1931 schien es, als könne Stalin einen Sieg feiern. Die Mehrheit der Bauern wurde schließlich gezwungen, den Kolchosen beizutreten. Der Staat hatte die volle Kontrolle über die Resultate ihrer Arbeit übernommen. Im selben Jahr hatte man sich fast die gesamte Ernte aus den Kolchosen bis zum letzten Korn bemächtigt und Rekordmengen von Getreide ins Ausland exportiert.

Aber schon im Frühjahr 1932 wurde offensichtlich, dass dieser Sieg in der Ukraine nur ein „Pyrrhussieg“ war. Als Folge der unkontrollierten Getreide-Requirierungen von 1931 kam es im nächsten Frühjahr in vielen Regionen der Ukraine zu Hungersnöten.

In der Republik kam es bis zum Sommer 1932 zu einer erneuten massiven Welle von Bauernprotesten und Hungerrevolten. Die Bauern, die bereits unter der Hungersnot litten, kämpften jetzt nicht mehr nur um ihr Land, sondern auch um das nackte Überleben. Von den Protesten, die sich 1932 über sieben Monate in der ganzen UdSSR hinzogen, fanden 56 % in der Ukraine statt. Es kam zu erneuten Kolchose-Massenaustritten von Landwirten.

In den Kolchosen hatten die Bauern endgültig das Interesse an der eigenen Arbeit verloren. Sie begriffen, dass ihnen die gesamte von ihnen erwirtschaftete Produktion weggenommen würde. Außerdem wurden die Kolchosen häufig von inkompetenten Kommunisten geleitet, die lediglich die Anweisungen der Zentralmacht ausführten. Die Arbeitsproduktivität sank beinahe auf den Nullpunkt. Das Kolchosensystem erwies sich als totales Fiasko.

Die kommunistische Führung musste einsehen, dass die Kollektivierung innerhalb von zwei Jahren kein einziges der gesetzten Ziele erreicht hatte. Die landwirtschaftliche Produktion sank, der Widerstand dauerte an und die Werte-Ordnung der Bauern war immer noch so stark wie zehn Jahre zuvor. Auch Parteiangehörige aus den Reihen der lokalen Nationalkommunisten begannen ihre Unzufriedenheit mit der Parteipolitik zu artikulieren.

Die Situation war fragil, besonders vor dem Hintergrund der Erfolge der Industrialisierung und Kollektivierung in anderen Regionen der Sowjetunion. Die oberste Parteiführung erklärte den Misserfolg in der Ukraine mit Sabotage. Und zwar nicht nur durch ukrainische Bauern, sondern auch seitens der örtlichen Kommunisten und der nationalen Intelligenzija. Die Parteielite war davon überzeugt, dass sie alle gemeinsam unter dem Einfluss „der unabhängigen bourgeoisen Ideologie“ standen.

Die Ereignisse der Ukrainischen Revolution und die Unabhängigkeitserklärung der Ukrainischen Volksrepublik als politische Alternative waren der Bevölkerung immer noch gegenwärtig. Dies beunruhigte die Führung der Kommunistischen Partei sehr. Schließlich war die Ukraine die zweitgrößte und zweitwichtigste Republik der Sowjetunion.

Die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit trat schliesslich in den Hintergrund. Stalin verlangte, alle Probleme auf einen Schlag zu lösen: den Widerstand der Bauern, der Intelligenzija und der Nationalkommunisten in der Regierung zu brechen, die Aufsässigen eines Besseren zu belehren und die Überlebenden in Sowjetmenschen zu verwandeln. Erreicht werden konnte dies allein nur durch Massenvernichtung. Wie bisher, mussten die neuen repressiven Mechanismen jedoch den Anschein erwecken, dass die Staatsmacht gesondert gegen Sozialfeinde und gegen Nationalfeinde vorging.

„Die Getreidebeschaffungen schreiten sehr zäh voran, besonders besonders bei den Einzelbauern... Wir treiben es gewaltsam ein und verfahren mit ihnen, wie mit „bösartigen“ Verweigerern. Wenn man über das alles nachdenkt, dann kommen einem äußerst traurige Gedanken. Man weiß nicht mehr, wessen Partei wir sind, wer uns folgt und wer unsere Stütze ist. Sind wir wirklich die Vertreter der Interessen des Proletariats, der Werktätigen und Kolchosbauern?“- so schreibt Dmytro Sawoloka, einer der Parteifunktionäre, in seinem Tagebuch am 21. September 1932. Im Jahr 1936 wurde er für die im Tagebuch geäußerten Gedanken zu einer langjährigen Haftstrafe im Konzentrationslager verurteilt.
„Die Getreidebeschaffungen schreiten sehr zäh voran, besonders besonders bei den Einzelbauern… Wir treiben es gewaltsam ein und verfahren mit ihnen, wie mit „bösartigen“ Verweigerern. Wenn man über das alles nachdenkt, dann kommen einem äußerst traurige Gedanken. Man weiß nicht mehr, wessen Partei wir sind, wer uns folgt und wer unsere Stütze ist. Sind wir wirklich die Vertreter der Interessen des Proletariats, der Werktätigen und Kolchosbauern?“- so schreibt Dmytro Sawoloka, einer der Parteifunktionäre, in seinem Tagebuch am 21. September 1932. Im Jahr 1936 wurde er für die im Tagebuch geäußerten Gedanken zu einer langjährigen Haftstrafe im Konzentrationslager verurteilt.
Statistische Angaben aus einer Zusammenfassung der GPU über die„rechtsopportunistischen Stimmungen und den Widerstand gegen die Getreidebeschaffungen seitens der Mitglieder und Kandidaten der Kommunistischen Partei und des Komsomol“, Stand 20. November 1932.
Statistische Angaben aus einer Zusammenfassung der GPU über die„rechtsopportunistischen Stimmungen und den Widerstand gegen die Getreidebeschaffungen seitens der Mitglieder und Kandidaten der Kommunistischen Partei und des Komsomol“, Stand 20. November 1932.
J. Stalin

Aus dem Telegramm J. Stalins an L. Kaganowitsch vom 11. August 1932

„Das wichtigste ist jetzt die Ukraine. Die Lage in der Ukraine sieht sehr schlecht aus. Schlecht auf der ganzen Parteilinie. Es heißt, dass sich in zwei Gebieten der Ukraine (ich glaube in den Gebieten Kyjiw und Dnipropetrowsk) etwa 5 Kreiskomitees gegen den Plan der Getreidebeschaffung ausgesprochen haben und ihn als unrealistisch bezeichneten. Die Situation in den anderen Kreiskomitees sieht nicht besser aus. Was soll das? Das ist keine Partei, sondern ein Parlament, die Karikatur eines Parlaments.

… Wenn wir jetzt die Lage in der Ukraine nicht unverzüglich korrigieren, können wir die Ukraine verlieren. Denkt daran, dass Pilsudski nicht einfach so aufgeben wird, sein Agentennetz in der Ukraine ist viel mächtiger, als Redens oder Kosior es zu glauben vorgeben. Behalten Sie ebenfalls im Auge, dass es in der Ukrainischen Kommunistischen Partei (fünfhunderttausend Mitglieder, ha-ha) nicht wenige (ja, nicht wenige) faule Elemente, bewusste oder unbewusste Petljuristen und schließlich auch direkte Agenten Pilsudskis gibt. Sobald sich die Lage verschlechtert, werden diese Ele- mente innerhalb (und außerhalb) der Partei sofort eine Front gegen sie eröffnen. Am schlimmsten ist, dass die ukrainische KP-Führung diese Gefahren nicht einsieht. So kann das nicht weitergehen.“

MECHANISMEN DES HOLODOMOR

Der Holodomor entstand als Ergebnis einer genau geplanten Politik des Kremls. Die Bolschewiken setzten die zwischen 1932 und 1933 eingesetzten Methoden, welche sie zur Unterwerfung gegen die Ukrainer angewendet hatten, später nie wieder ein. Das spricht für ihre Einzigartigkeit und Besonderheit. Nur in dieser Kombination konnten sie zu solch katastrophalen Folgen führen.

In der ersten Etappe des Verbrechens begann man in den Dörfern mit der massenhaften Konfiszierung der gesamten Lebensmittel, welche sich im Gegensatz zur bisherigen Praxis, sich nicht allein auf das Getreide beschränkte. Für die Konfiszierungen wurde eine bedeutende Anzahl menschlicher Ressourcen benötigt. Daher wurden für die Requirierungen Mitarbeiter des kommunistischen Parteiapparates und bewährte Parteigenossen aus den Industriezentren hinzugezogen. Zur Beschlagnahmung der Lebensmittel wurden aus Parteimitgliedern, Komsomolzen und Aktivisten spezielle Einheiten gebildet, sogenannte „Schleppbrigaden“. Sie durchkämmten die ländlichen Gegenden und vollzogen die Durchsuchungen.

Im Januar 1933 nahmen diese ausgebildeten Aktivisten während der Hausdurchsuchungen Millionen von Menschen alles Essbare ab und überließen sie massenhaft dem Hunger. Die Menschen begannen aus den vom Hunger erfassten Gebieten zu fliehen.

Als zweites Instrument wurde daher die Isolierung der Hungernden eingesetzt. Dazu wurde die Praxis der „Schwarzen Tafeln“ eingeführt (ursprünglich wurden „schwarze Listen“ auf schwarzen Tafeln angebracht, daher der ukrainische Name „schwarze Tafeln“). Gleichzeitig wurde den Hungernden verboten, die Ukraine zu verlassen.

„Schwarze Tafeln“ aus dem Gebiet Dnipropetrowsk. Liste, die in der Regionalzeitung„Sorja“ am 1. Januar 1933 veröffentlicht wurde.
„Schwarze Tafeln“ aus dem Gebiet Dnipropetrowsk. Liste, die in der Regionalzeitung„Sorja“ am 1. Januar 1933 veröffentlicht wurde.
Milizionäre mit konfisziertem Getreide, Gebiet Cherson, 1932.
Milizionäre mit konfisziertem Getreide, Gebiet Cherson, 1932.

Kolchosen und Dörfer, die auf den „Schwarzen Listen“ vermerkt waren, wurden von bewaffneten Einheiten der Miliz und sowjetischen Sondereinsatzkräften umstellt. Anschließend wurden alle Nahrungsmittelreserven eingesammelt und weggebracht. Darüber hinaus wurden der Handel und die Einfuhr aller Waren verboten. Für die Einwohner glich dies einem Todesurteil.

Im Januar 1933 verbot das Regime den Dorfbewohnern ausserdem die Ausrei- se aus dem Territorium der Ukraine und des Kuban-Gebietes, das vorwiegend von Ukrainern besiedelt war. Der Verkauf von Fahrkarten für den Eisenbahn- und Wass- erweg wurde gestoppt. Die Wege in die Städte wurden blockiert. Diejenigen, denen die Flucht gelang, wurden verhaftet und in die Hungergebiete zurückgebracht. Hätte die Requirierung und Isolation ein Jahr lang gedauert, hätte das Regime „das ukrainische Problem endgültig gelöst“.

Das vorrangige Ziel war aber, die Ukrainer in eine gehorsame Biomasse zu verwandeln und nicht die vollständige, physische Vernichtung.

So ging die Sowjetmacht 1933 zum dritten Akt des Verbrechens über. Um die Frühlingssaatkampagne sicherzustellen, erhielten die ukrainischen Regionen ab Februar 1933 Hilfe. Sie war aber nur für die lokalen Parteiführer, Aktivisten und Kolchosarbeiter bestimmt. Hingegen wurde die Hilfe denjenigen Menschen verweigert, welche mit aufgedunsenen Bäuchen und völlig entkräftet weiterhin an Hunger litten sowie allen Nicht-Mitgliedern der Kolchosen.

Zum Bestandteil des Hunger-Genozids gehörte auch eine bewusste Informationsblockade. Im Januar 1933 gab der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR, M. Litwinow eine Sondererklärung ab, in der es hieß, es gäbe im Land keinen Hunger. Daraufhin lehnte das stalinistische Regime Hilfe aus dem Ausland ab und zwang seine Bürger sogar, Lebensmittelpakete oder Geldsendungen abzulehnen, die sie von Verwandten oder Wohltätern aus dem Ausland erhielten.

CHRONIK DES MORDES DURCH HUNGER

  • Der Ukraine werden vorsätzlich nicht erfüllbare Plansolls für Getreideablieferungen gestellt.

  • Der Beschluss zum „Schutz des sozialistischen Eigentums“, im Volksmund auch das „Fünf-Ähren-Gesetz“ genannt, wird gefasst. Das Pflücken von nur wenigen Pflanzen auf dem Kolchosfeld hatte mehrjährige Haftstrafen zur Folge.

  • Verbot des freien Brot-Handels.

  • Verbot der Brot-Verteilung zur öffentlichen Verpflegung der Kolchos-Arbeiter. Diese mussten ihr eigenes Brot mitbringen.

  • Eine Sonderkommission zur Getreidebeschaffung, angeführt vom Regierungschef der UdSSR, Wjatscheslaw Molotow, trifft aus Moskau in der Ukraine ein. Sie hat die Aufgaben, die Repressionen zu verschärfen und die Getreiderequirierungen bei den ukrainischen Bauern zu erhöhen.

  • In alle administrativen Einheiten werden Vertreter mit Sondervollmachten für die Getreidebeschaffung entsandt. In den Dörfern werden Sondereinsatzkommandos für die Suche und Konfiszierung von Getreide, Lebensmitteln und Vieh in privaten Bauernhöfen, zusammengestellt. An dieser Kampagne werden das gesamte Milizpersonal, die Sicherheitsdienste und örtlichen Mitglieder der Kommunistischen Partei und des Komsomol hinzugezogen.

  • In der Ukraine werden gemäß Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei „Schwarze Listen“ und Strafen in Form von Naturalien für „geschuldete“ Getreideablieferungen eingeführt, obwohl die Bauernhöfe das unrealistische Plansoll gar nicht erfüllen konnten. Daraufhin wurde der gesamte Bestand an Lebensmitteln und Vieh konfisziert.

     
  • Die sowjetischen Sondereinsatzkommandos starten mit der geheimen Spezialoperation zur Beseitigung all jener, die sich der Getreiderequirierung widersetzen könnten. Die Operation umfasste 243 Kreise in der Ukraine.

  • Auf Beschluss der Regierung werden 6 Dörfer auf die „Schwarze Liste“ gesetzt. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Liste bereits über 400 Siedlungen oder Kolchosen.

  • Stalin persönlich gibt den Befehl, die Unterlagen zum Strafverfahren gegen die Führung des Kreises Orichiw (damals Gebiet Dnipropetrowsk) unter der Parteiführung zu verbreiten. Den Angeklagten wurde unterstellt, Sabotageaktionen gegen die Getreidesammlungen zu betreiben. An den sogenannten „ukrainischen Saboteuren“ sollte ein Exempel statuiert werden.

  • Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei und der Rat der Volkskommissare der UdSSR erlassen den Geheimbeschluss „Über die Getreidebeschaffung in der Ukraine, im Nordkaukasus und in der West-Region“. Er sah insbesondere die massenhafte Aufhebung ukrainischer Schulen im Kuban-Gebiet und die Massenverfolgung ukrainischer Intellektueller vor. Der Inhalt dieses Geheimbeschlusses beweist, dass mit Hilfe des künstlich organisierten Hungers die ukrainische Identität und die ukrainische Nation hätten vernichtet werden sollen.

  • Aus denjenigen ukrainischen Dörfern, welche die räuberischen und unrealistischen Pläne der Getreiderequirierungen nicht erfüllt hatten, wurden sämtliche Getreidereserven und das Saatgut beschlagnahmt und weggebracht.

  • Stalin ordnete an, die ukrainischen Bauern über den Sonderbeschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in Kenntnis zu setzen, worin jeder Bauer, welcher kein Getreide abliefern würde, mit der Anwendung äußerst repressiver Maßnahmen zu rechnen habe.

  • Die Direktive Josef Stalins verbot den Bauern die Ausreise aus den Hungergebieten der Ukraine und des Kuban in andere Regionen der Sowjetunion. Allein in den ersten anderthalb Monaten seit der Veröffentlichung der Direktive wurden fast 220.000 Bauern an der Ausreise gehindert. Davon wurden 186.000 mit Gewalt nach Hause zurückgeschickt, wo sie der Hungertod erwartete.

  • Stalin ernennt P. Postyschew, den zweiten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) der Ukraine, zum faktischen Führer der Sowjet-Ukraine.

  • Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) verabschiedet die ersten Sonderbestimmungen über selektive Hilfen für die Ukraine zur Sicherung der Kampagne zur Frühjahrssaat.

  • Das kommunistische Regime beginnt eine großangelegte Kampagne zur „Säuberung“ von ukrainischen Nationalisten. Das Ausmaß der damaligen politischen Repressionen in der Ukraine ist vergleichbar mit dem Großen Terror in den Jahren 1937-1938. Nach offiziellen Angaben wurden in der Ukraine 1933 über 124.000 Personen verhaftet. Das ist mehr als im Jahr 1938.

  • Es gilt ein stillschweigendes Verbot für die Wörter „Hunger“ und „Hungersnot“ als Bezeichnung für die Lage in den ukrainischen Dörfern. In den Parteidokumenten wird lediglich von „Lebensmittelengpässen“ gesprochen.

  • Die Rate der an Hunger Verstorbenen in der Ukraine erreicht ihren Höhepunkt: Nach Schätzungen von Demografen starben im Juni in der Ukraine über eine Million Menschen.

  • Das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) beschließt die Gründung eines Allunions- Umsiedlungskomitees und beginnt mit der Umsiedlung der Kolchosbauern aus den russischen Gebieten und aus Weißrussland in die vom Hunger betroffenen, zwischenzeitlich menschenleeren, Dörfer der Ukraine. Bis Ende 1933 wurden über 100.000 Menschen umgesiedelt.

  • Sterberegister mit Angaben zum Jahr 1933 werden aus den Dorfgemeinden entfernt.

  • Auf dem XII. Parteitag der KP(b)U erklärt der damalige kommunistische Führer der Republik, Pawel Postyschev, dass das Jahr 1933 zum „Jahr der Zerschlagung der nationalistischen Konterrevolution“ wurde. „Und als gesagt wurde: Schlag ihn, den Nationalisten, den Konterrevolutionär, schlag diesen Abschaum, schlag kräftiger zu, hab keine Angst, – da gingen die Aktivisten, Parteigenossen und Komsomolzen bolschewistisch ans Werk – und die Kolchosen begannen zu blühen“.

  • Originalunterlagen der Parteikommunikation in den Jahren 1932–1933 aus dem ukrainischen Staatsarchiv (Teil 1 und Teil 2).

HOLODOMOR: WAS HATTEN DIE MENSCHEN DURCHLEBT

Zu Beginn machte sich in den ukrainischen Dörfern Angst breit. Schuld daran waren Vertreter der lokalen Behörden und sogenannte „Aktivisten“, die sich ständig in Gruppen bewegten und die Menschen Tag und Nacht terrorisierten. Diejenigen, welche die gesetzte Getreidenorm nicht erfüllt und nicht genügend Lebensmittel abgegeben hatten, wurden verprügelt, verspottet und gedemütigt. Aber auch die Aktivisten hatten Angst. Viele erlitten später das Schicksal ihrer Opfer.

Die Lage verschlechterte sich zusehends und Gleichgültigkeit und Apathie, sogar gegenüber dem eigenen Schicksal, machten sich mehr und mehr breit. Der walisische Journalist Gareth Jones, der die Ukraine 1930 und im März 1933 besucht hatte, merkte an, dass sich die ukrainischen Bauern während seiner ersten Reise über den Mangel an Brot beklagten. Auf dem Höhepunkt des Holodomor sagten sie hingegen, sie seien dem Tode geweiht und „sie töten uns“.

Für diesen Sinneswandel gibt es eine physiologische Erklärung. Zu Beginn einer andauernden Hungersituation verspürt der Mensch ein star- kes Hungergefühl, Unzufriedenheit und Zorn. Später wandelt sich dies in stumme Hoffnungslosigkeit; alle Gefühle, ja, das gesamte Verhalten dient nur noch einem Zweck, den Hunger zu stillen. In einem solchen Zustand ist es unmöglich, effizient zu arbeiten oder zu handeln. In der Situation extremen Hungers nivellieren sich moralische Werte und ethische Nor- men. Zu den extremen Hungersymptomen gehörten aufgedunsene Bäu- che und geschwollene Beine und Hände. Die Hungernden verloren den Verstand und irrten ziellos durch die Gegend, verübten Selbstmord oder begingen Morde. Sie töteten Kinder, die sie nicht ernähren konnten, um ihnen das Leiden zu ersparen. Vor dem Hintergrund des totalen Kollapses der Psyche kam es zu Fällen von Kannibalismus.

Danach bildeten sich in der Gesellschaft zwei neue Klassen heraus, nämlich solche, die zu Essen hatten und jene, die nichts zu Essen hat- ten. Unter den Bedingungen des völligen Fehlens von Lebensmitteln nahmen die Beziehungen zwischen ihnen, auch vormals nahestehenden Menschen oder Verwandten, erwartungsgemäß grausame Formen an.

Ein erschütterndes Merkmal des Holodomor war die äußerst hohe Sterblichkeit unter den Kindern. Kinder starben jeweils früher als Erwachsene. Da die Eltern nicht im Stande waren, ihrem Kind beim Sterben zuzusehen, fuhren sie es in die nächstgelegene Stadt und ließen es dort zurück; häufig in Einrichtungen, Kliniken, an Bahnhöfen oder einfach auf der Straße.

Aus den Zufluchtsstätten flüchteten die Kinder und schlugen sich bettelnd und stehlend durch. Am schlimmsten erging es den Neugeborenen, weil deren Mütter sie nicht stillen konnten.

Gareth Jones, ein walisischer Journalist, verstieß im März 1933 gegen das Verbot und besuchte heimlich die hungernde Ukraine.
Gareth Jones, ein walisischer Journalist, verstieß im März 1933 gegen das Verbot und besuchte heimlich die hungernde Ukraine.

Tagebuch von Nestor Bilous, Bauer aus dem Gebiet Kharkiv

  • Ostern. Ich war auf der Arbeit. In der Genossenschaft wurden Furchen gezogen, im Dorf aber war kein Mensch zu sehen. Früher herrschte hier Heiterkeit, es gab Schaukeln, man hörte die Ziehharmonika, und es gab alle möglichen Spiele. Aber heute herrschen überall Mutlosigkeit und Hunger.

    Als Festessen gab es dünnen Borschtsch und ein wenig Bratkartoffeln. Milch für den Milchbrei hat uns unsere Taufpatin Man’ka gegeben. Kalychotsch Pylyp fand in der Schlucht mit Karbolsäure durchtränktes Fleisch von einem verendeten Pferd und nahm es mit nach Hause.

  • Heute werden wir elf Hungertote begraben.

  • Es regnet unablässig und es ist kalt. Die Aussaat geht sehr langsam voran, weil es kein Korn gibt. Pferde gibt es auch keine und falls jemand ein Pferd hat, dann ist es so sehr geschwächt, dass es nicht in der Lage ist, die Egge zu ziehen. Daher wird es dieses Jahr eine noch geringere Aussaat geben. Die Menschen sterben ständig. In eine Grube kommen etwa sechs Verstorbene, weil es niemanden mehr gibt, der ein Grab ausheben könnte.

  • Am 27.04. starb Butenko Mykola Fedorowytsch, ein junger 22-jähriger Mann, ein echter Gardist – groß gewachsen und gutaussehend. Er starb nur deswegen an Hunger, weil die Dorfverwaltung keinen Identitätsnachweis an den Sohn eines entkulakisierten Vaters ausgestellt hatte. Und ohne Identitätsnachweis gibt es keine Anstellung. Im Frühjahr, ja, da gab es Arbeit, aber da war er schon völlig entkräftet und konnte deswegen nicht mehr arbeiten. So musste er vor Hunger sterben.

  • Seit dem 08.05. ist es wärmer geworden, die ganze Saat geht auf. Die Rübensämlinge werden von Käfern und Flöhen aufgefressen. Wir bräuchten Regen, aber es regnet nicht. Die Kolchosen wollen mit der Aussaat nicht aufhören. Sie werden wohl bis zum St. Peters und Paulstag weiter säen. Die Menschen sterben ständig vor Hunger. Am 12.05. starb Tschorna Paraska. Eine Aktivistin und Kandidatin der Partei. Als die Leute fürs Nichterfüllen der Getreidenorm verraten wurden, hat sie in der Schule vor Freude getanzt. Und jetzt ist sie selbst wie ein Hund verreckt.

  • Jeden Tag sterben Leute vor Hunger. Der Dorfrat hat eine Sanitärkommission bestimmt, die sich um die Leichen und Begräbnisse kümmern soll, weil es niemanden mehr gibt, der das machen könnte. Der Dorfrat schickt die Leute hinaus, um große Gruben für etwa zehn Leichen auszuheben, die dann wieder zugeschüttet werden. Viele Menschen, Erwachsene und Kinder, sehen aus wie lebende Tote.

  • Auf den Stationen rund um Charkiw und auf den Feldern sterben die Menschen vor Hunger – und niemand sammelt sie ein. So ist zum Beispiel Kostenko Mykola vor einem Monat in der Nähe von Tahanka gestorben und niemand hat bis heute die Leiche weggeräumt. Und das obwohl die Kommandeure der Roten Armee jeden Tag an ihr vorbeifahren. Aber es kümmert keinen, dass die Leiche bereits stark verwest ist und man sich in ihrer Nähe nicht aufhalten kann.

WIE ÜBERLEBTEN DIE MENSCHEN?

Unter den Bedingungen des totalen Nahrungsmittel-Mangels griffen diejenigen, die um ihr Leben und um das Leben ihrer Familien kämpften, zu den unterschiedlichsten Methoden. Sich anpassen und sich alternative Nahrungsmittel- quellen zu besorgen bedeutete, überleben zu können. Wer sich auf andere verließ oder aufgab, der starb als Erster.

Es überlebten vor allem diejenigen, denen es gelang, Lebensmittel, Geld und Kleidung vor den Requisitions-Kommandos zu verstecken. Auf dem Schwarzmarkt konnte man Lebensmittel kaufen oder sie für Kleidung und Wertsachen eintauschen. In besonderen Geschäften, die angeblich für den Handel mit Ausländern (Torgsin) geschaffen wurden, konnten die Bauern Mehl, Grütze, Fette und andere Lebensmittel besorgen, vorausgesetzt, sie konnten diese mit goldenen oder silbernen Wertsachen oder Valuta bezahlen. 1933 musste man im Torgsin für einen Sack Mehl elf Gramm reines Gold bezahlen. Natürlich hatte nur ein geringer Teil der Bevölkerung solche Ersparnisse. Während der Hungerjahre presste das Regime aus der Bevölkerung auf diese Weise alle Wertsachen heraus.

Einen wichtigen Beitrag zur Rettung trugen auch die Kühe bei, die, um sie vor Diebstahl zu schützen, oftmals in der Unterkunft gehalten wurden. Auch die Natur kam zu Hilfe. Denn alles, was man in ihr finden oder erlegen konnte, sei es im Wald, im Feld oder im Fluss, trug zur Rettung bei. Zudem verschwanden im Frühjahr 1933 in den ukrainischen Dörfern zum Beispiel Hunde und Katzen.

Den einen vermochte nicht einmal der schrecklichste Hunger dazu zu verleiten, gewisse Tabus zu brechen, wie etwa verendete Tiere zu essen. Während sich andere zu viel schlimmeren Dingen hinreißen ließen.

Manch einer denunzierte seinen Nachbarn, um an einen Teil seines Eigentums zu gelangen, um es wiederum verkaufen und dafür Lebensmittel kaufen zu können. Wiederum andere meldeten sich als Dorfaktivisten an. Die erhaltene Belohnung umfasste einen Anteil am geraubten Hab und Gut der Nachbarn und erlaubte ihnen, sich eine gewisse Zeit über Wasser zu halten.

War es nicht möglich, die Familie im Heimatdorf oder in der Heimatstadt durchzubringen, verließ man diese auf legalem oder illegalem Wege und ging auf Nahrungs- oder Arbeitssuche in die Industriezentren, wie etwa in den Donbas. Aber selbst für die Arbeit in den Minen des Donbas wurde eine Sondergenehmigung benötigt, die man nur durch Bestechung oder durch die richtigen Beziehungen erhalten konnte. Die Ukrainer nahmen ihr letztes Geld sowie Hab und Gut und versuchten nach Russland oder Weißrussland auszureisen, um es dort gegen Brot einzutauschen. Diejenigen, die Verwandte außerhalb der Republik hatten, fuhren für immer dorthin. Einige versuchten über die Staatsgrenze in die Westukraine oder nach Moldowa durchzubrechen. Die meisten wurden jedoch festgenommen oder einfach vor Ort von Grenzsoldaten erschossen.

Eichenrinde mit Flachs

Eichenrinde mit Flachs

Die Rinde wurde zerkleinert und gedünstet, dann wurden Flachssamen hinzugegeben, dazu zerkleinerte und gedünstete Kamille und eine Handvoll Maisgrütze.

Brennesselfladen

Brennesselfladen

Brennnessel-Fladen wurden aus überbrühten Brennnesseln und Löwenzahn, gedünstetem Weizen mit etwas Mehl und verdünnt mit Wasser gebacken.

Kastanienbrote mit Dill-Samen

Kastanienbrote mit Dill-Samen

Die Kastanienschalen wurden entfernt und der Kern zerkleinert. Es wurden gedünstete Dill-Samen und etwas Weizengrütze als Bindemittel hinzugefügt.

Grasssupe

Grasssupe

Verbreitet war während der Hungerjahre auch eine Grassuppe, die auf Basis von Rübenkwas zubereitet wurde. Es wurden verschiedene Blätter und Wurzeln, Weiß-Gänsefuß, Löwenzahn, Wegerich und Brennesseln hinzugefügt.

DIE FOLGEN DES HOLODOMOR

Der Holodomor kostete Millionen Menschen das Leben. Die entsetzlichen Umstände dieses Verbrechens und die Politik des bewussten Verschweigens seiner Folgen verhindern die Eruierung der genauen Anzahl der in den Jahren 1932-1933 durch Hunger getöteten unschuldigen Menschen und die Aufstellung einer vollständigen Namensliste der Opfer.

Die Folge des Genozid-Verbrechens war neben der physischen Vernichtung von Millionen von Menschen die Zerstörung der traditionellen ukrainischen Lebensweise. Der Hunger wurde zu einer biologischen Massenvernichtungswaffe und veränderte den Genpool des Volkes auf Jahrzehnte hinaus. Er führte zu moralisch-psychologischen Veränderungen im kollektiven Bewusstsein der Ukrainer. James Mace kam zum Schluss, dass die ukrainische Gesellschaft aufgrund des Genozids traumatisiert wurde und bis heute weitgehend eine trammatisierte, postgenozidale Gesellschaft geblieben ist.

Der Holodomor zerstörte unzählige Familien wegen der hohen Mortalität, den Deportationen und der Migration auf der Suche nach Nahrung. Als Strafe für die Nichterfüllung der Getreideabgabequoten wurden manchmal sogar Ehepaare zwangsgetrennt.

Der Holodomor führte zur völligen Vernichtung der „ukrainischen Welt“ der Vor-Holodomorzeit, die sich von diesem Schlag nie mehr erholen konnte. Die traditionelle Kultur und Volksbräuche erlitten großen Schaden. Der Holodomor veränderte die gewohnten landwirtschaftlichen Arbeitsweisen auf dem Dorf vollständig. Zudem konfiszierte der Staat das im Verlauf der Jahrhunderte erworbene Land. Für viele Jahrzehnte wurden die ukrainischen Bauern zu entrechteten Kolchos-Arbeitern gemacht, ohne Pässe und Renten.

Der Widerstand des Dorfes war gebrochen. Die hungernden Menschen wurden schließlich von den Lebensmittelhilfen des Staates abhängig, welchem sie fortan völlige Loyalität und Ergebenheit schuldeten. Die Angst vor einem erneuten Holodomor verließ die Menschen, die ihn erlebt hatten, nie mehr. Es machte sich Gleichgültigkeit und politische Apathie gegenüber Gesellschaftsfragen breit. Hauptsache, man hatte wenigstens genug zu essen, um sich und die eigene Familie ernähren zu können.

Die psychologischen Folgen des Holodomor waren Schuldgefühle und Scham. Die Menschen fühlten sich dafür schuldig, dass sie ihre Familien und Verwandten nicht hatten retten können. Und sie fühlten Scham für ihre unmoralischen Taten, die sie begangen hatten, um selber überleben zu können.

Dennoch konnte der Holodomor zwischen 1932 – 1933 die Ukrainer nicht in „Sowjetmenschen“ verwandeln. Die Asche der Opfer der Repressalien, Getöteten und der verstorbenen Verwandten hinterließ bei vielen Ukrainern in ihren Herzen tiefe Spuren. Der Widerstand gegen das kommunistische Regime dauerte auch in den nachfolgenden Jahrzehnten an. Das Resultat war schließlich das Allukrainische Referendum im Jahre 1991, bei dem sich über 90 % der Ukrainer für die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes entschieden.

Die extrem erhöhte Sterblichkeit in der Ukraine im Jahr 1933
Die extrem erhöhte Sterblichkeit in der Ukraine im Jahr 1933
UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID
Die extrem erhöhte Sterblichkeit in der Ukraine im Jahr 1933
Die extrem erhöhte Sterblichkeit in der Ukraine im Jahr 1933

Quellenangaben

UKRAINE 1932-1933 HUNGERGENOZID

Das Zentrale Staatliche H. S. Pschenytschnyj Film-, Foto- und Audioarchiv der Ukraine

Das Staatliche Facharchiv des Sicherheitsdienstes der Ukraine

Das Nationale Zentrum für Volkskultur «Iwan Hontschar Museum»

Das Nationale Kunstmuseum der Ukraine

Das Institut für die Geschichte der Ukraine an der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine

Das M. Ptucha Institut für Demografie und Sozialforschung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine

Fotos wurden freundlicherweise von W. Udowytschenko und S. Lypowezkyj zur Verfügung gestellt.