Warum Anerkennung Holodomors als Genozid wichtig ist

Zu Beginn der 1930er Jahre wurde die Sowjetunion von einer schweren Hungerkatastrophe erfasst. Nach heutigem Forschungsstand waren insgesamt 6 bis 7 Millionen Tote zu beklagen, davon 3,9 Millionen in der Ukraine. Am 19. September 1933 schrieb der deutscher Konsul Herr Schiller in einem geheimen Dokument an das Auswärtigen Amt nach Berlin: „ Ich würde die von der anderen Seite genannte Zahl von 10 Millionen Todesopfern nicht für übertrieben halten.”

Hungersnot war menschengemacht und vermeidbar. Sie war nicht die Folge einer Naturkatstrophe oder Missernte. Die Stalin-Führung trägt die politische Verantwortung dafür. 

Die Hungersnot traf in erster Linie die Dörfer in den Getreideanbaugebieten. Die Zwang-Kollektivierung der Landwirtschaft in den Jahren 1929 bis 1931 hatte das Dorf ruiniert; die landwirtschaftlichen Erträge gingen massiv zurück. Die bolschewistische Führung reagierte darauf mit der Beschlagnahme der Ernte, um die Städte zu ernähren. Die Getreideexporte wurden fortgesetzt. Die Millionen Hungertoten in den Dörfern wurden billigend in Kauf genommen. 

Nirgendwo forderte der Hunger so viele Todesopfer wie in der Ukraine. Dafür gab es zwei Gründe. Erstens, seit dem Sommer 1932 verband die Stalin–Führung den Hunger mit der ukrainischen nationalen Frage. Wenn örtliche Behörden gegen die unerfüllbaren Getreideabgaben protestierten oder Bauern Lebensmittel versteckten, um ihre Kinder zu ernähren, dann sah die bolschewistische Führung darin den Beweis für ukrainischen Nationalismus. Stalin fürchtete, die Ukraine könnte sich aus der Sowjetunion lösen. Sein Misstrauen galt insbesondere der ukrainischen kommunistischen Partei und der ukrainischen kulturellen Intelligenz. Gegen beide wurde deshalb zeitgleich mit dem Hunger auch eine umfassende Säuberungswelle durchgeführt.    

Zweitens, als die Hungersnot im Sommer 1932 absehbar war, reagierte die Stalin-Führung darauf statt mit Hilfsmaßnahmen mit Dekreten, die die Opferzahlen in die Höhe trieben: Den Kolchosen, die das unerreichbare Ablieferungssoll nicht erfüllen konnten, wurden sämtliche Lebensmittel weggenommen. Manche Dörfer wurden auf sog. Schwarze Listen gesetzt. Zahlreiche  Ladengeschäfte wurden geschlossen und die Dörfer durch einen vollkommen  Boykott von der Außenwelt abgeriegelt. Um zu verhindern, dass Dorfbewohner sich außerhalb der Hungergebiete Nahrungsmittel beschafften, wurde ihnen das Verlassen ihrer Dörfer verboten. Der Verkauf von Eisenbahnfahrkarten wurde zeitweise eingestellt. 

So wurde der Hunger zum Holodomor. Mit diesem ukrainischen Terminus (zu Tode bringen durch Hunger) wird seit Ende der 1980er Jahre die Große Hungersnot bezeichnet. Für mehr als ein halbes Jahrhundert war Holodomor in der Sowjetunion ein Tabuthema. Erst in postsowjetischer Zeit kehrten die Toten in das öffentliche Bewusstsein zurück.

In der Ukraine ist das Gedenken an die Opfer des Holodomors inzwischen zu einem Teil der nationalen Identität geworden. Das Parlament verabschiedete 2006 ein Gesetz, in dem der Holodomor als „Genozid am ukrainischen Volk“ festgeschrieben wurde. Seither bemüht sich die Ukraine auch im internationalen Rahmen um die Anerkennung des Holodomors als Völkermord am ukrainischen Volk. Mehr als zwei Dutzend Staaten sind diesem Aufruf inzwischen gefolgt. 

Die Definition des Völkermords stützt sich auf die Konvention der UNO über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords von 1948. Danach werden als Völkermord Handlungen bezeichnet, die auf die Zerstörung einer nationalen, rassischen oder religiösen Gruppe gerichtet sind. Dabei erfüllt auch eine teilweise Zerstörung einer solchen Gruppe  den Tatbestand des Völkermords. Voraussetzung ist die absichtsvolle und gezielte Zerstörung einer nationalen Gruppe. 

Während des Holodomors verhungerten in den Dörfern der Ukraine und an der Wolga nicht nur ethnische Ukrainer, sondern auch Russen, Deutsche, Weißrussen, Kasachen und andere. Auch das steht nicht im Widerspruch zur Völkermordkonvention, die nicht von der Exklusivität einer einzigen Opfergruppe spricht. Die Bauer stellten etwa 80% der ländlichen Bevölkerung in der sowjetischen Ukraine; infolgedessen waren sie auch überwiegend die Opfer.

Die Anerkennung des Holodomors als Völkermord am ukrainischen Volk bedeutet eine Verneigung vor den Opfern eines Menschheitsverbrechens und die Distanzierung vom mörderischen Regime Stalins.