Warum Holodomor keine Naturkatastrophe war

Trotz der Tatsache, dass in wenigen Monaten auf einem kompakten Territorium der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik mehrere Millionen Menschen zu Tode gekommen sind, wird immer noch diskutiert, ob dieses Ereignis als Völkermord gelten kann. Im Folgenden werden einige Argumente geliefert, die diese Sichtweise unterstützen.

Laut der einschlägigen Bezeichnung ist ein Völkermord eine durch die Absicht gekennzeichnete Straftat, die direkte oder indirekte Weise „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Dass die Ukrainer die Opfer der Hungerperiode 1932-1933 geworden sind, bleibt nicht zu bezweifeln, die Schätzungen gehen von 2,4 bis 7 Mio. Toten in wenigen Monaten. Der deutsche Historiker Boris Barth weist jedoch darauf hin, dass kein Dokument die genozidale Intention der sowjetischen Regierung bestätigt. Tatsächlich, anders als bei der Wannsee-Konferenz gibt es kein herauskristallisiertes Dokument mit klar ausgedrückten Intentionen, vielmehr lässt sich diese Intention aus dem Schriftverkehr der ukrainischen und sowjetischen Parteiregierung rekonstruieren (Teil 1, Teil 2). Auch Hannah Arendt sah in dem künstlich geschaffen Hunger ein Mittel dazu, den Widerstand einer bestimmten Schicht, in dem Fall ukrainischer Bauer, gegen die sowjetische Regierung zu brechen. Rafael Lemkin, Autor des Gesetzentwurfes zum Völkermord bei UNO, hat sich ebenfalls für die ukrainische Hungersnot als Genozid ausgesprochen (Seite 110).

Im Weiteren will ich auf einige Umstände im Verlauf von 1932-1933 hinweisen, die These „absichtliches Herbeiführen von Hungersnot“ bestätigen. Als Bestätigung dienen die Dokumentnummer aus den Verlinkungen auf das ukrainische Staatsarchiv (Teil 1 und Teil 2) dienen.

Ereignisse in der Ukraine 1932

Zum einen wusste die sowjetische Regierung bereits im Frühling 1932, welche Folgen die Zwangskollektivierung der ländlichen Bevölkerung in der Ukraine haben konnte: Die Berichte über die vereinzelten Hungertote und Kannibalismus-Fälle wurden an die Parteispitze im April 1932 gemeldet (32, 34, 42). Und dennoch fordert die Parteispitze aus Moskau in der Ukraine in den kommenden Monaten die geplante Getreide-Abgabe „um jeden Preis zu gewährleisten“ (64). Die ersten Einschränkungen finden bereits Ende Mai 32 statt: So wird es den Bürgern verboten, mehr als 10 Kilo Getreide per Bahn zu transportieren (40). Im Juni werden die Lebensmittellieferungen in die Ukraine eingestellt (73). Bereits im Juli wusste man, dass die geplanten Abgabemengen völlig unrealistisch sind: Die gelieferte Getreidemenge belief sich nur auf zehn Prozent gegenüber dem Plan und war um das Vierfache weniger als im vergangenen Jahr (85). Die Einschränkungsmassnahmen wurden deswegen noch strenger: Ab Anfang August wurde in der USSR den Bauern verboten, mit Brot und Getreide zu handeln (91), fast gleichzeitig wurde ein Gesetz gegen Diebstahl des Kolchos- Eigentums verabschiedet, das selbst kleine Mengen von Ernte-Diebstahl kriminalisierte. Ab Ende August wurde den Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung wie Kantinen eingeordnet, kein Brot mehr anzubieten (92, 96). Gleichzeitig ging die Aufforderung aus Moskau ein, die Getreidelieferungen für den Export zu beschleunigen, geliefert wurden 20.000 Tonnen Weizen statt geplanten 190.000 Tonnen Weizen (95). Das ukrainische Weizen ging nicht nur ins Ausland, sondern beispielsweise nach Nordkaukasus, wo auch Lebensmittel knapp waren – 23.000 Tonnen Weizen wurden geliefert (101). Ab Spätherbst 1932 wurden die Maßnamen noch drastischer: Ab 5. November wurden regelrecht Repressionen gegen „Spekulanten und Diebe“ angeordnet (103, 109), ab Mitte November wurde verboten, in die Dörfer, die die geplante Menge an Getreide noch nicht abgegeben haben, Industriewaren zu liefern (104). Gleichzeitig wurden in den Städten Kommandos organisiert, die die Bauer dazu gezwungen haben, das Getreide abzugeben (105). Am 24. Dezember hat die ukrainische Parteispitze die Bauer angeordnet, alle Getreide- Vorräte abzugeben (124). Ab diesem Zeitpunk gilt das Argument der fahrlässigen Tötung nicht mehr, denn die Folgen dieser Forderung waren für alle absehbar, somit wurde bewusst die Lebensgrundlage für mehrere Tausende Familien in der ländlichen Gegend der Ukraine entzogen, was als Folge Hungersnot und Kannibalismus hatte.

Ereignisse in der Ukraine 1933

Ab Anfang Januar (133, 139, 140) wurden noch die Saatgut-Vorräte als geplante Getreide-Abgabe eingerechnet, so waren die letzten für die Bauer in greifbarer Nähe verfügbaren Lebensmittel entnommen. Dass diese Entscheidungen von Berichten über Hungersnot begleitet wurden, bleibt selbstverständlich (145) und dennoch entscheidet sich die Parteispitze Ende Januar 1933 zu einem Ausreiseverbot für ukrainische Bauer (150). Diese haben versucht, in den benachbarten Gegenden wie Weißrussland oder West-Russland Lebensmittel zu besorgen. Ein solcher Reiseverbot wurde übrigens nur in der Ukraine erlassen. Die Folgen von diesen Entscheidungen sind ebenfalls dokumentiert (163, 167, 171) – mehrere Millionen Tote, aber selbst bei Erfassung haben die Partei-Funktionäre die Opfer abgewertet und diese in die Arbeiter mit viel und wenig Pflichtarbeitstagen in einer Kolchose aufgeteilt (168).

Die millionenfachen Hungertote 1932-1933 sind keinesfalls als Folge einer Naturkatastrophe zu sehen, sondern als Ergebnis mehreren bewussten Einschränkungen der kommunistischen Parteispitze, die das Überleben in den ländlichen Gegenden der Ukraine unmöglich machten.


Halyna Kubiv